Ann Christin von Allwörden: Inklusion braucht Vertrauen, nicht die Abwicklung bewährter Förderschulen

03.02.2026

Nach Informationen der CDU-Fraktion soll die Förderschule Ernst-von-Haselberg-Schule im Zuge der Inklusionspolitik de facto geschlossen werden. Die Schüler mit dem sogenannten ESE+ Förderbedarf und die entsprechend ausgebildeten Lehrkräfte werden auf andere Schulen verteilt, die Schule selbst soll als Einheit mit neuem Profil, anderen Schülern mit anderen Bedarfen und anderen Lehrkräften erst einmal weiter existieren, allerdings außerhalb der bisherigen Räumlichkeiten. Vor dem Hintergrund einer landesweiten Debatte über die Zukunft der Förderschulen in Mecklenburg-Vorpommern und die schrittweise Umsetzung inklusiver Konzepte wirkt dies als Präjudiz, zumal sich landesweit die Stimmen von Eltern, Lehrkräften und Fachleuten mehren, die einen Erhalt der Förderschulen und echte Wahlfreiheit fordern; zugleich plant das Bildungsministerium offenbar Anpassungen der Zeitpläne, ohne die grundlegenden Fragen geklärt zu haben. Hierzu erklärt die Stralsunder Abgeordnete, Ann Christin von Allwörden:

„Wer Inklusion ernst meint, darf bewährte Förderschulen nicht vorschnell abwickeln. Eltern brauchen Verlässlichkeit und Wahlfreiheit, nicht Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg. Solange die Zukunft der Förderschullandschaft in Mecklenburg-Vorpommern nicht abschließend geklärt ist, fordern wir, nicht nur die Kulisse zu erhalten, sondern auch den pädagogischen Auftrag der Standorte. Inklusion funktioniert nur, wenn sie gut vorbereitet ist und ausreichend Personal, Räume und Konzepte vorhanden sind. Das ist vielerorts noch nicht der Fall. Förderschulen leisten täglich hochspezialisierte Arbeit und sind für viele Kinder der richtige Lernort. Diese Kompetenz darf nicht leichtfertig verloren gehen. Ein pauschales Schließen erzeugt Verunsicherung und schadet dem Vertrauen der Eltern. Wir brauchen Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme und einen tragfähigen Landesplan. Erst dann können verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen werden.

Der vorliegende Fall ist ein Musterspiel dafür, wie man es nicht macht: Eine funktionierende Schule soll zerschlagen und als Hülle erhalten. Ich halte das nicht nur pädagogisch für falsch, man hält es im Bildungsministerium offenbar für ein probates politisches Mittel, Menschen für blöd zu verkaufen. Gerade in Stralsund sehen wir, wie wichtig die Ernst-von-Haselberg-Schule für Kinder und Familien ist. Viele Eltern wünschen sich ausdrücklich diesen geschützten Lernraum und das spezialisierte pädagogische Angebot. Inklusion darf kein Sparprojekt sein, sondern muss den Bedürfnissen der Kinder folgen. Eine Auflösung, so wie sie jetzt vorangetrieben werden soll, würde bestehende Strukturen zerstören, ohne gleichwertige Alternativen zu schaffen. Wahlfreiheit heißt, dass Eltern entscheiden können, welcher Bildungsweg für ihr Kind der richtige ist. Diese Freiheit muss Vorrang haben. Deshalb braucht es jetzt ein klares Signal der Landespolitik. Erst klären, dann entscheiden, nicht umgekehrt. Die Menschen vor Ort erwarten Transparenz und Verlässlichkeit. Beides ist derzeit nicht gegeben.

ESE+ bezeichnet einen besonders ausgeprägten sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung, bei dem die Schwierigkeiten eines Kindes deutlich über das übliche Maß hinausgehen. Betroffene Schülerinnen und Schüler benötigen sehr intensive pädagogische Unterstützung, klare Strukturen, kleine Lerngruppen und häufig multiprofessionelle Begleitung, um überhaupt lern- und beziehungsfähig zu bleiben. ESE+ macht deutlich, dass reguläre Inklusionssettings allein oft nicht ausreichen und spezialisierte Förderangebote oder Förderschulen weiterhin notwendig sind. Ich bezweifle nachdrücklich, dass man den Schülerinnen und Schülern bzw. deren neuen, aufnehmenden Klassen einen Gefallen tut, wenn man die Schüler aus Stralsund wegschickt.“